Linkshändertag: Alles mit links – und warum ein gutes Zuhause nicht von der Stange kommt

Alles mit links machen. Was nach Leichtigkeit klingt, ist für rund jeden zehnten Menschen schlicht Alltag. Heute am 13. August ist Linkshändertag – und damit ein guter Zeitpunkt, einmal genauer hinzusehen: Was bedeutet es eigentlich, die Welt buchstäblich andersherum zu bedienen?

Denn Linkshändigkeit beschränkt sich längst nicht auf die Frage, in welcher Hand der Stift liegt. Sie kann beeinflussen, wie wir Dinge greifen, Bewegungen ausführen, Arbeitsplätze nutzen – und sogar, wie praktisch ein Raum für uns funktioniert.

Und damit sind wir mitten beim Thema Wohnen und Einrichten.

Sind Linkshänder kreativer?

Linkshändern wird gerne ein besonderes Maß an Kreativität nachgesagt. Künstler, Musiker und andere bekannte Persönlichkeiten, die mit links arbeiten, liefern dafür reichlich Stoff.

Die Wissenschaft ist bei dieser Behauptung allerdings deutlich weniger romantisch: Einen direkten Zusammenhang zwischen Linkshändigkeit und überdurchschnittlicher Kreativität gibt es nicht.

Was aber durchaus interessant ist: Linkshänder leben in einer Welt, die überwiegend für Rechtshänder gemacht ist.

Die Schere liegt falsch herum. Der Spiralblock nervt. Bestimmte Werkzeuge sind unpraktisch. Und bei manchen Dingen fragt man sich irgendwann gar nicht mehr, warum sie so konstruiert sind – man findet einfach einen eigenen Weg.

Wer ständig ein kleines bisschen improvisieren muss, entwickelt womöglich eine gewisse Lust am Umdenken. Nicht zwingend mehr Kreativität, aber vielleicht eine gesunde Skepsis gegenüber dem Satz: „Das macht man eben so.“

Und genau diese Haltung kann beim Einrichten ausgesprochen hilfreich sein.

Warum ein Raum nicht nur gut aussehen, sondern gut funktionieren sollte

Beim Wohnen reden wir gerne über Stil: modern oder klassisch, ruhig oder farbenfroh, minimalistisch oder gemütlich. Doch bevor die Frage nach der richtigen Vase kommt, gibt es eine viel wichtigere:

Wie bewegt sich eigentlich der Mensch durch diesen Raum?

Wo greift er hin? Was benutzt er jeden Morgen? Wo öffnet sich eine Tür? Wo fällt das Licht hin? Welche Wege entstehen ganz automatisch?

Für einen Linkshänder können solche Details anders ausfallen als für einen Rechtshänder. Ein Arbeitsplatz lässt sich beispielsweise so anordnen, dass die bevorzugte Hand genügend Bewegungsfreiheit hat und die Beleuchtung nicht störend wirkt. In der Küche können Auszüge, Arbeitsflächen und häufig benötigte Utensilien dort Platz finden, wo die Hand sie ganz selbstverständlich erwartet.

Das klingt nach einer Kleinigkeit. Ist es aber nicht. Gute Gestaltung besteht oft genau aus diesen Kleinigkeiten.

Die Küche: links, rechts – oder einfach richtig?

Nehmen wir die Küche. Sie ist ein ziemlich gutes Beispiel dafür, wie eng Einrichtung und Gewohnheiten miteinander verbunden sind.

Wir schneiden, rühren, öffnen, greifen, spülen, verstauen. Hunderte Handgriffe, über die wir normalerweise keine Sekunde nachdenken.

Bis etwas nicht passt. Dann steht plötzlich der Mülleimer im Weg, die Schublade lässt sich nur umständlich öffnen oder das wichtigste Küchenutensil liegt genau dort, wo man es am wenigsten gebrauchen kann.

Bei der Planung einer Küche sollte deshalb nicht nur der Grundriss entscheiden, sondern auch der Mensch, der darin arbeitet. Rechts- oder Linkshänder? Groß oder klein? Alleine kochend oder im Team? 

Die beste Lösung ist nicht die, die im Küchenstudio am logischsten aussieht. Sondern die, die sich nach einigen Wochen so selbstverständlich anfühlt, dass man gar nicht mehr darüber nachdenkt.

Auch beim Wohnen gilt: Gewohnheiten sind wichtiger als Konventionen

Linkshänder haben einen ziemlich guten Grund, sich über manche Dinge zu wundern: Warum ist der Griff eigentlich genau dort? Warum öffnet sich die Tür ausgerechnet in diese Richtung? Und warum soll der Schreibtisch selbstverständlich an dieser Wand stehen?

Die meisten von uns stellen solche Fragen nie. Wir benutzen Dinge, wie sie eben angeordnet sind – schließlich hat das ja irgendjemand einmal so entschieden. Praktisch heißt aber nicht automatisch passend.

Genau hier wird die Verbindung zum Wohnen interessant. Denn auch Räume stecken voller kleiner Konventionen: Der Esstisch steht hier, das Sofa dort, der Schrank an dieser Wand. Und plötzlich stellt man fest, dass man seine Einrichtung zwar gewohnt ist, aber nicht unbedingt optimal nutzt.

Gute Gestaltung darf deshalb ein bisschen unbequem anfangen – nämlich mit der Frage: Geht das eigentlich auch besser?

Denn ein Zuhause ist kein Möbelkatalog und schon gar kein Regelwerk. Es ist der Ort, an dem Menschen ihre ganz eigenen Abläufe haben. Wer morgens mit links nach der Kaffeetasse greift, abends immer im selben Sessel landet oder beim Kochen ständig zwischen zwei Schubladen pendelt, liefert bereits ziemlich gute Hinweise darauf, wie ein Raum funktionieren sollte.

Kurz gesagt: Nicht die Möbel sollten bestimmen, wie wir leben. Die Einrichtung sollte wissen, wie wir leben.

Vielleicht ist die interessanteste Erkenntnis zum Linkshändertag deshalb nicht, ob Linkshänder tatsächlich kreativer sind. Sondern die Frage, wie viel Kreativität entsteht, wenn wir aufhören, alles nach Schema F zu machen.

Ein Raum muss nicht so eingerichtet sein, wie man ihn aus Möbelkatalogen kennt. Eine Küche muss nicht genau dem Standard entsprechen. Ein Arbeitsplatz muss nicht dort stehen, wo er „immer“ steht.

Manchmal ist die bessere Lösung eben die, auf die man erst kommt, wenn man das Gewohnte einmal infrage stellt.

Alles mit links – aber bitte auf die eigene Art

Der Linkshändertag ist damit mehr als ein kurioser Aktionstag für Menschen wie mich, die mit links schreiben.

Er erinnert uns an etwas, das beim Planen und Einrichten leicht verloren geht:
Die Welt muss nicht für alle gleich funktionieren. Sie darf für jeden ein bisschen anders funktionieren.

Vielleicht ist das sogar ein ziemlich guter Grundsatz für gutes Wohnen. Nicht: Wie macht man es normalerweise?

Sondern: Wie machen wir es richtig – für uns?

Und wenn die Antwort lautet: mit links – dann ist das schließlich auch eine Lösung.

 

Alles Liebe, 
Birgit