Tag der Kirsche: Was uns der Kirschbaum über eine bessere Wirtschaft lehren kann
Heute ist Tag der Kirsche. Ein schöner Anlass, an eine der köstlichsten Früchte des Sommers zu denken: süß, saftig, rot – und meistens schneller gegessen, als man „Kirschkern“ sagen kann.
Doch die Kirsche kann noch etwas anderes: Sie kann uns zum Nachdenken darüber bringen, wie wir eigentlich wirtschaften bauen und leben wollen.
Denn hinter der Frucht steht ein faszinierendes Natursystem: der Kirschbaum. Er wächst, blüht, trägt Früchte, verliert Blätter und Äste – und ist dabei Teil eines großen Kreislaufs. Nichts wird einfach „weggeworfen“. Was an einer Stelle nicht mehr gebraucht wird, wird an anderer Stelle zur Grundlage für neues Leben.
Genau diesen Blick auf den Kirschbaum nimmt Erwin Thoma in seinem Buch „Der Weg des Kirschbaums“ ein. Der Baum wird darin zum Lehrmeister – und plötzlich wirkt das, was wir unter moderner Wirtschaft verstehen, erstaunlich altmodisch.
Knapp 3 Jahre ist es übrigens her, dass Dr. Erwin Thoma beim Landesinnungstag der Tischler in OÖ zu Gast war und genau zu diesem Thema referiert hat. Dort ist dann auch dieses fröhliche Erinnerungsfoto enstanden… 😉
Der Kirschbaum kennt keine Konkurrenz
Stellen wir uns einmal vor, ein Kirschbaum würde nach den Regeln unserer heutigen Wirtschaft handeln.
Er müsste möglichst schnell wachsen. Er müsste seinen Nachbarbaum verdrängen. Die Früchte müssten jedes Jahr größer werden zwecks Inflation und so, du weißt schon. Blätter wären ein Kostenfaktor. Alte Äste müssten sofort entsorgt werden. Und natürlich müsste am Ende des Jahres eine möglichst hohe Rendite herauskommen.
Zum Glück hat der Kirschbaum davon keine Ahnung.
Er funktioniert anders. Er ist Teil eines Netzwerks aus Boden, Wasser, Pilzen, Mikroorganismen, Tieren, Pflanzen und Klima. Jeder Teil trägt zum Funktionieren des Ganzen bei. Der Baum nimmt auf, gibt ab, speichert, verwandelt und schafft immer wieder neue Lebensgrundlagen.
Das Entscheidende: Sein Erfolg besteht nicht darin, andere zu besiegen. Sein Erfolg besteht darin, dass das System lebendig bleibt.
Und genau hier wird der Kirschbaum interessant für unsere Wirtschaft.
Von der linearen Wirtschaft zum Kreislauf
Unser Wirtschaftssystem ist über weite Strecken linear organisiert: Rohstoffe werden gewonnen, Produkte hergestellt, verkauft, konsumiert – und irgendwann landen die Materialien im Abfall. Wir sind es gewohnt, in Kategorien wie „Verbrauch“, „Entsorgung“ und „Wettbewerb“ zu denken. Die Natur kennt diese Logik nicht.
Beim Kirschbaum wird aus einer Blüte eine Frucht, aus der Frucht entsteht neues Leben. Blätter fallen zu Boden und werden zu Nährstoffen. Abgestorbenes Holz wird Lebensraum für andere Organismen. Selbst das Ende eines Baumes ist kein endgültiges Ende, sondern Teil des nächsten Kreislaufs.
Das ist die eigentliche Intelligenz der Kreislaufwirtschaft: Es geht nicht darum, weniger zu verschwenden.
Es geht darum, möglichst gar nichts als Abfall zu betrachten. Genau diese Haltung lässt sich auch auf das Bauen übertragen.
Was wäre, wenn unsere Wirtschaft und unsere Häuser so denken würden?
Was wäre, wenn ein Produkt nicht dafür entwickelt würde, möglichst schnell ersetzt zu werden, sondern möglichst lange zu leben? Was wäre, wenn wir Dinge reparieren, teilen und weitergeben, statt sie beim ersten Defekt auszutauschen?
Und was wäre, wenn Gebäude aus möglichst natürlichen, langlebigen und schadstoffarmen Materialien entstehen würden – so geplant, dass sie sich an die Bedürfnisse der Menschen anpassen und Materialien später wiederverwendet werden können?
Der Kirschbaum liefert darauf keine fertige Wirtschafts- oder Bauordnung. Aber er liefert ein anderes Denkmodell.
Gemeinschaft statt Gegeneinander
Erwin Thoma nutzt den Kirschbaum als Basis für die Frage, wie eine Wendung von unserem gegenwärtigen, stark wettbewerbsorientierten Wirtschaftssystem gelingen kann.
Dabei geht es nicht darum, Wettbewerb einfach abzuschaffen oder zurück in eine vermeintlich romantische Vergangenheit zu wollen. Es geht um einen Perspektivwechsel: Wirtschaft soll wieder stärker als Teil eines größeren sozialen und ökologischen Systems verstanden werden. Der einzelne Baum lebt nicht für sich allein. Sein Überleben hängt von unzähligen Beziehungen ab. Genau diese Vernetzung macht das System Wald widerstandsfähig.
Übertragen auf uns bedeutet das: Eine zukunftsfähige Wirtschaft braucht mehr Zusammenarbeit, regionale Kreisläufe, gemeinschaftliche Nutzung und langfristiges Denken.
Manchmal ist die intelligenteste Lösung schlicht die, die bereits vorhandene Dinge besser miteinander verbindet (siehe recolere).
Nachhaltigkeit ist kein Verzicht
Vielleicht liegt hier auch ein Missverständnis unserer Zeit: Nachhaltigkeit wird häufig mit Verzicht verbunden. Der Kirschbaum würde darüber vermutlich nur mit seinen Blättern rascheln. Denn Kreislaufwirtschaft bedeutet nicht zwangsläufig: weniger haben, weniger genießen, weniger leben. Sie bedeutet vielmehr, anders mit dem umzugehen, was wir haben.
Langlebige Produkte statt Wegwerfprodukte. Gemeinsame Nutzung statt ungenutzter Dinge. Reparatur statt Ersatz. Regionale Kreisläufe statt unnötig langer Wege. Zusammenarbeit statt ständiger Konkurrenz. Das kann sogar zu mehr Lebensqualität führen – weil eine Wirtschaft, die Ressourcen schont und Gemeinschaft stärkt, auch andere Werte sichtbar macht: Zeit, Vertrauen, Verbundenheit und Verantwortung.
Vielleicht sollten wir öfter unter einen Kirschbaum schauen
Der Tag der Kirsche ist deshalb ein guter Anlass, den Kirschbaum einmal nicht nur als Lieferanten leckerer Früchte zu betrachten. Er ist ein funktionierendes Natursystem – und damit ein ziemlich guter Lehrer. Er zeigt uns, dass Wachstum und Nachhaltigkeit zusammengehen können. Dass Ressourcen nicht verbraucht, sondern immer wieder genutzt werden können. Dass Vielfalt stabiler sein kann als Monokultur. Und dass ein System stärker wird, wenn seine Bestandteile miteinander verbunden sind.
„Der Weg des Kirschbaums“ lädt dazu ein, diese Prinzipien auf unser eigenes Wirtschaften zu übertragen. Vielleicht müssen wir dafür gar nicht immer neue Modelle erfinden. Vielleicht sollten wir einfach öfter fragen: Wie würde ein Kirschbaum das machen?
Er würde nicht fragen, wer am Ende gewinnt. Er würde dafür sorgen, dass der Kreislauf weitergeht. Und genau darin könnte ein Weg liegen zu einer Wirtschaft, die nicht nur effizient und wettbewerbsfähig ist, sondern gemeinschaftlich, nachhaltig und lebenswert.
Alles Liebe,
Birgit

