Warum die Dunkelheit für Mensch und Natur so wichtig ist

Wie oft nehmen wir uns noch die Zeit, den Nachthimmel wirklich zu betrachten? Die Sterne zu bestaunen, den Mond zu beobachten und die besondere Ruhe zu genießen, die sich mit der Dunkelheit über die Landschaft legt? In unserer modernen Welt ist das vielerorts kaum noch möglich. Straßenlaternen, beleuchtete Schaufenster, Gartenstrahler, Fassadenbeleuchtungen und Leuchtreklamen machen unsere Nächte immer heller. Was für uns selbstverständlich geworden ist, hat weitreichende Folgen für Mensch, Tier und Natur.

Die Earth Night (=Lichtverschmutzungs-Bewusstseinstag in Deutschland und Österreich), dieses Jahr morgen, am 11. September möchte uns daran erinnern, dass Dunkelheit kein Mangel ist, den wir mit künstlichem Licht ausgleichen müssen. Sie ist ein natürlicher Bestandteil unseres Lebens – genauso wichtig wie das Tageslicht. Der Aktionstag lädt dazu ein, unnötige Beleuchtung für eine Nacht bewusst auszuschalten und sich mit dem Thema Lichtverschmutzung auseinanderzusetzen.

Wenn die Nacht ihren natürlichen Rhythmus verliert

Lichtverschmutzung entsteht, wenn künstliches Licht in der Dunkelheit in zu großer Menge, zur falschen Zeit oder am falschen Ort eingesetzt wird. Dabei denken wir oft zuerst an den verschwundenen Sternenhimmel. Doch die Auswirkungen reichen viel weiter.

Mit dem Sonnenaufgang beginnt für viele Lebewesen die aktive Phase. Mit dem Sonnenuntergang kehrt Ruhe ein, der Körper stellt sich auf die Nacht ein, und zahlreiche natürliche Prozesse folgen ihrem eigenen Rhythmus. Künstliches Licht bringt dieses fein abgestimmte Zusammenspiel durcheinander.

Wir Menschen haben uns daran gewöhnt, unsere Tage künstlich zu verlängern. Wir arbeiten bei Licht, sitzen abends vor hellen Bildschirmen und beleuchten unsere Wohnräume und Gärten bis spät in die Nacht. Doch unser Körper ist nach wie vor auf einen natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus angewiesen.

Wie künstliches Licht unsere Gesundheit beeinflussen kann

Unser Körper besitzt eine innere Uhr, die sich wesentlich am natürlichen Licht orientiert. Helligkeit am Tag und Dunkelheit in der Nacht helfen dabei, unseren Schlaf-Wach-Rhythmus zu regulieren. Dabei spielt das Hormon Melatonin eine wichtige Rolle, das den Körper auf die Nachtruhe vorbereitet.

Wird es am Abend lange hell gehalten, insbesondere durch intensives und blauhaltiges Licht von Bildschirmen oder Leuchten, kann die natürliche Melatoninausschüttung verzögert werden. Das Einschlafen fällt dann möglicherweise schwerer, und der Schlaf-Wach-Rhythmus kann sich verschieben. Dauerhaft ungünstige Lichtverhältnisse können so zu Schlafproblemen und einer Störung des natürlichen Biorhythmus beitragen.

Schlaf ist für uns jedoch weit mehr als eine Ruhepause. Während wir schlafen, laufen wichtige Regenerationsprozesse ab. Unser Körper verarbeitet die Eindrücke des Tages, das Gehirn festigt Erinnerungen, und zahlreiche körperliche Abläufe folgen ihrem nächtlichen Rhythmus.

Deshalb lohnt es sich, nicht nur auf ausreichend Schlaf zu achten, sondern auch auf die Lichtverhältnisse am Abend. Gedämpftes Licht, möglichst wenig Bildschirmhelligkeit kurz vor dem Schlafengehen und ein dunkles Schlafzimmer können helfen, den natürlichen Rhythmus zu unterstützen.

Dabei geht es nicht darum, jede Lampe zu verteufeln. Künstliches Licht ist für unseren Alltag unverzichtbar und sorgt vielerorts für Orientierung und Sicherheit. Entscheidend ist vielmehr, wie viel Licht wir verwenden, welche Lichtfarbe wir wählen und ob wir es wirklich zu jeder Tages- und Nachtzeit benötigen.

Tiere brauchen die Dunkelheit zum Leben

Noch deutlicher werden die Folgen künstlicher Beleuchtung bei Tieren. Während wir Menschen unsere Beleuchtung bewusst ein- und ausschalten können, sind Wildtiere den Lichtverhältnissen ihrer Umgebung oft schutzlos ausgeliefert.

Die Dunkelheit ist für viele Tierarten Lebensraum, Orientierungshilfe und ein entscheidender Bestandteil ihres natürlichen Verhaltens. Wird sie durch künstliches Licht verdrängt, kann das Nahrungssuche, Fortpflanzung, Wanderungen und Ruhephasen beeinträchtigen.

Insekten: Gefangen im Licht

Jeder kennt das Bild: An einer hellen Außenlampe sammeln sich in warmen Sommernächten zahlreiche Insekten. Was auf den ersten Blick harmlos erscheint, kann für die Tiere zur tödlichen Falle werden.

Viele nachtaktive Insekten orientieren sich am natürlichen Licht von Mond und Sternen. Künstliche Lichtquellen können diese Orientierung stören

Dabei sind Insekten für funktionierende Ökosysteme unverzichtbar. Sie bestäuben zahlreiche Pflanzen, dienen anderen Tieren als Nahrung und tragen zur Zersetzung organischen Materials bei. Wenn wir unsere Gärten und Wege nachts unnötig beleuchten, beeinflussen wir damit auch jene natürlichen Kreisläufe, von denen wir selbst abhängig sind.

Weitere Wildtiere und Pflanzen

Nicht nur Insekten, Fledermäuse und Vögel sind betroffen. Auch Amphibien, nachtaktive Säugetiere und zahlreiche andere Organismen reagieren auf veränderte Lichtverhältnisse.

Selbst Pflanzen reagieren auf Licht. Die Tageslänge ist für viele Arten ein wichtiges Signal, etwa für den Zeitpunkt der Blüte, den Laubfall und die Vorbereitung auf die Winterruhe. Künstliche Beleuchtung kann diese Prozesse bei empfindlichen Pflanzen beeinflussen.

Die Natur funktioniert nicht unabhängig von der Dunkelheit. Sie ist ein fein abgestimmtes Gefüge, in dem Licht und Schatten, Tag und Nacht ihre jeweiligen Aufgaben erfüllen.

Was wir in unseren Gärten verändern können

Gerade im eigenen Garten haben wir viele Möglichkeiten, der Dunkelheit wieder mehr Raum zu geben. Wir müssen dafür weder auf Komfort noch auf Sicherheit verzichten. Oft genügt es, die eigene Beleuchtung bewusster einzusetzen.

  • Licht ausschalten, wenn es nicht gebraucht wird. Terrassenbeleuchtung, Gartenlampen und dekorative Lichter müssen nicht die ganze Nacht brennen.
  • Bewegungsmelder verwenden. Wo Licht aus Sicherheitsgründen notwendig ist, kann es gezielt und zeitlich begrenzt eingeschaltet werden.
  • Auf eine geeignete Lichtfarbe achten. Warmweißes, möglichst wenig blauhaltiges Licht ist häufig günstiger für nachtaktive Tiere als kaltes, bläuliches Licht. Es sollte dennoch sparsam und gezielt eingesetzt werden.
  • Nach unten statt in den Himmel leuchten. Gut abgeschirmte Leuchten verhindern, dass Licht unnötig in den Himmel, in Baumkronen oder auf benachbarte Grundstücke strahlt.
  • Dunkle Rückzugsorte erhalten. Hecken, Bäume, Blumenbeete und unbeleuchtete Gartenecken bieten Tieren Nahrung, Schutz und Orientierung.

Vielleicht ist es sogar eine schöne Gelegenheit, den eigenen Garten einmal ganz bewusst bei Dunkelheit zu erleben. Ohne Gartenstrahler, ohne Lichterketten und ohne künstliche Helligkeit verändert sich die Atmosphäre. Wir nehmen Geräusche anders wahr, entdecken vielleicht einen Igel im Laub oder hören die Fledermäuse über uns hinwegfliegen. Und wenn der Himmel klar ist, werden plötzlich Sterne sichtbar, die wir sonst kaum beachten.

Die Nacht wieder wertschätzen

Für mich gehört ein naturnaher Garten nicht nur zu einem Ort, an dem Pflanzen wachsen und gedeihen. Er ist auch ein Lebensraum, den wir mit vielen anderen Lebewesen teilen. Dazu gehört, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und ihnen möglichst gute Bedingungen zu bieten.

Wir sprechen viel über Insektensterben, den Rückgang der Artenvielfalt und den Verlust natürlicher Lebensräume. Dabei übersehen wir manchmal, dass Naturschutz auch in den Abendstunden beginnt. Wir können tagsüber Blumen pflanzen, heimische Sträucher setzen und auf chemische Pflanzenschutzmittel verzichten – und gleichzeitig nachts durch unnötige Beleuchtung genau jene Tiere stören, denen wir helfen möchten.

Es lohnt sich daher, auch unsere Lichtgewohnheiten zu hinterfragen. Muss wirklich jede Hauswand angestrahlt werden? Braucht der Garten bis Mitternacht Licht? Und müssen wir die Dunkelheit überhaupt als etwas empfinden, das überwunden werden muss?

Vielleicht liegt gerade darin eine wichtige Erkenntnis: Nicht alles, was technisch möglich ist, ist auch ökologisch sinnvoll.

Mein Wunsch zur Earth Night

Die Earth Night am morgigen 11. September ist eine Einladung, für einen Moment innezuhalten und die Nacht wieder als wertvollen Teil der Natur zu begreifen. Es geht nicht darum, auf jede Beleuchtung zu verzichten, sondern darum, unnötiges Licht zu vermeiden und bewusster damit umzugehen.

Wenn wir am Abend die letzten Lampen ausschalten, schenken wir nicht nur dem Sternenhimmel mehr Raum. Wir geben auch Insekten, Vögeln, Fledermäusen und vielen anderen Lebewesen die Möglichkeit, ihren natürlichen Rhythmus besser zu leben.

Vielleicht beginnen wir einfach im eigenen Garten. Eine ausgeschaltete Lampe, eine dunkle Hecke, ein unbeleuchteter Baum – kleine Veränderungen, die in ihrer Summe einen Unterschied machen können.

„Geben wir der Dunkelheit ihren natürlichen Platz zurück – für uns, für die Tiere und für eine lebendige Natur.“

Selbst Pflanzen reagieren auf Licht. Die Tageslänge ist für viele Arten ein wichtiges Signal, etwa für den Zeitpunkt der Blüte, den Laubfall und die Vorbereitung auf die Winterruhe. Künstliche Beleuchtung kann diese Prozesse bei empfindlichen Pflanzen beeinflussen.

Die Natur funktioniert nicht unabhängig von der Dunkelheit. Sie ist ein fein abgestimmtes Gefüge, in dem Licht und Schatten, Tag und Nacht ihre jeweiligen Aufgaben erfüllen.

Und vielleicht nehmen wir uns an diesem Abend auch selbst die Zeit, nach oben zu schauen. Denn manchmal entdecken wir erst dann, wie viel Schönheit wir übersehen haben, wenn wir das künstliche Licht ausschalten.

 

Alles Liebe, 
Birgit